LESEZEICHEN – Leseprobe Rich Schwab 1

Stichwort: Sonnenbrand. Ich hatte auch mal so ’nen Brand. Der war so schlimm, dass ich extra Bass spielen gelernt habe, um mit der Band auf Tour zu gehen, deren Tourplan und Reisegepflogenheiten seinerzeit am ehesten dazu geeignet schienen, chronischen Brand zu löschen. Bzw. gar nicht erst aufkommen zu lassen. Kleine Leseprobe aus dem schönen Buch Versacken …

Das Wilde Huhn, der Club, in dem wir heute spielen, ist, wenn man erst mal im richtigen Viertel Salzgitters ist, leicht zu finden – drinnen läuft eine Buzzcocks-Kassette über die Bühnenanlage, und selbst wenn nicht alle Fenster des Ladens offen wären, könnte man die Musik meilenweit hören – das Wilde Huhn ist nicht viel mehr als ein Holzschuppen, der aussieht, als habe er im vorigen Jahrhundert einem Schützenverein als Clubhaus gedient.

Wenn man drin ist, sieben Mann auf einer bierkastenhohen Bühne ihre Gerätschaften aufgebaut haben und vier bis fünf ehrenamtliche Mitarbeiter ihnen um halb sieben beim – fast planmäßigen – Soundcheck zugucken, glaubt man, dass nun höchstens noch fünfundzwanzig Zuschauer Platz haben. Dass es dann abends über achtzig sind, die dann auch noch genug Raum finden, um Pogo zu tanzen, bestätigt einmal mehr, daß Reisen bildet.

Tut es schon deshalb, weil man in Deutschland selbst nach zehn Jahren auf Tour immer noch und immer wieder unbekannte Biersorten entdecken kann. Und da der Künstler an sich ein neugieriges Wesen ist, muss er die natürlich alle mal probieren – man will ja zuhause was zu erzählen haben, am besten etwas, worüber man sich ein eigenes Urteil gebildet hat.

Weshalb der Abend erst endet, als das entzückende Wesen mit den sieben Sicherheitsnadeln in der Nase, das sich für die Thekenspätschicht geopfert hat, ein bedauerndes (und bedauerliches) „Bier is´ alle! Verpisst euch!“ in den Raum kräht. Einen Raum, in dessen Ecken mehrere Zuschauer schon seit ein paar Stunden liegen und schnarchen.

„Bedauerlich“ schon deswegen, weil wir ja die Schroeder Roadshow sind – in unseren Konzertverträgen steht ausdrücklich: § 11 – Unterbringung: Kein Hotel. Der Veranstalter verpflichtet sich, die Musiker in Privatunterkünften wie Wohngemeinschaften etc. unterzubringen. Schließlich sind wir keine abgehobenen Popstars, sondern die Brüder der romantischen Verlierer.

Ich weiß nicht, ob Ihr wisst, wie das ist, im Gästezimmer, in der Wohnküche, auf dem Speicher einer 79er Punker-WG zu übernachten … Wollt Ihr gar nicht wissen, glaube ich. Falls doch, empfehlen wir die Lektüre des Romans Nie wieder Apfelkorn, der auch sonst ein durchaus gewinnbringendes Stück Lesestoff sein soll. Sagt man.

Einmal mehr haben wir Glück im Unglück – einer unserer Gastgeber hat schon von uns gehört und präsentiert nach dem Verteilen von Schlafplätzen und dem Ausrollen von Schlafsäcken noch einen Kasten vom hiesigen Bier. Muss das Glück des Tüchtigen sein – natürlich können wir uns mit dem Kasten Kölsch revanchieren, der für Notfälle unter der Couch im Tourbus klemmt. Das gefällt wiederum einer unserer heutigen Mitbewohnerinnen so gut, dass sie eine Flasche Jägermeister aus ihrem Versteck holt – trotzdem ist der Abend gerettet.

Ich möchte jetzt nicht näher darauf eingehen, welcher Schroeder mit zweien der GastgeberInnen als Letzter in der Küche saß und verdrießlich auf die übriggebliebenen vier Flaschen Bier starrte, die niemand mehr schaffte, aber als er den Reißverschluß seines Schlafsacks hochzog, schellte in einem Nebenzimmer ein Wecker – einer der Punks hatte eine Mathearbeit zu schreiben und musste pünktlich sein.

Ja, wie – tönt es da aus der zweiten Reihe, erfahren wir hier garnix über das Konzert? Wie war denn das Konzert?

Na, wie schon – gut laut, wie immer.

(aus: Versacken, Köln 2001)