LESEZEICHEN – Leseprobe Rich Schwab 2

Es gebe so wenig und vor allem nichts Neues zu lesen, bemängelte neulich ein Besucher unserer Website. Na ja, da ist wohl was dran. Hier also ein bisschen was Neues zum Schmökern (okay, vielleicht nicht für die, die am 5. Dezember 2010 live dabei waren …).

Stichwort: Die Wüste lebt.

Wüsten haben in meinem Leben des Öfteren eine prägende Rolle gespielt. Kein Wunder eigentlich, wenn man seine Kindheit in den 50er Jahren in Köln-Vogelsang verbringt. Am Ende der Straße, in der ich aufwuchs, war seinerzeit auch Köln so ziemlich zu Ende: dahinter lag die Kipp – ein riesiges Baggerloch, das als Müllkippe diente. Mannshohe Distel- und Brennesselfelder und wuchernde Brombeerhecken, Krähen und Karnickel, Ratten und Tümpel voll Kaulquappen, vor sich hin schwelende Abfallhaufen und jede Menge Schrott, von alten Autoreifen und verrostenden Fahrrädern bis zu ausrangierten Wohnungseinrichtungen – an der Kipp konnte man sehen, wie so langsam das Wirtschaftswunder in die Gänge kam.

Und diese Wüste lebte allerdings, schließlich war sie das reinste Kinderparadies. Hier lernte ich den schönen kölschen Dialekt, der zuhause verboten war, hier lernte ich mich prügeln, mit einer Schleuder umzugehen und Pfeil und Bogen zu schnitzen, hier lernte ich ordinäre Schimpfwörter und schmutzige Witze, lernte Feuer machen und Quallmänner braten, und hier lernte ich rauchen – und dass Sex etwas unter Strafe Verbotenes war, als wir eines Sommers Schiefers Rita dazu überreden konnten, bei den ersten Doktorspielen mitzumachen und uns zu zeigen, was es unter ihrem Röckchen und der roten Strickunterhose Erstaunliches zu entdecken gab und dass es kein Wunder war, dass sie nie am Wettpinkeln teilnahm.

Bei schlechtem Wetter saß ich zu Hause und frönte meinen beiden anderen Leidenschaften: Radiohören und Schmökern. Unter anderem gab es da im Bücherschrank meiner Großmutter den berühmten Bildband von Walt Disney, Die Wüste lebt, mit Tierfotos, die man so noch nie gesehen hatte. Fasziniert blätterte ich dieses Buch immer wieder von vorne bis hinten durch – bis ich zu der Doppelseite kam, wo auf mehreren Bildern der Kampf auf Leben und Tod zwischen einer riesigen Vogelspinne und einer Klapperschlange dokumentiert war. Die beiden wirkten so lebensecht und machten mir eine solche Heidenangst, dass ich diese Seiten einfach nicht anfassen, also nicht weiter umblättern konnte.

“Oma!”, schrie ich dann immer, und dann musste meine Großmutter kommen und mir die Seiten umschlagen, bis die schreckliche Spinne verschwunden war, vor allem das letzte Foto, in der diese, nach dem heftigen Kampf schon ziemlich verbeult, bereits halb in dem weit aufgerissenen Schlangenmaul mit den Furcht einflößenden Eckzähnen verschwunden war, und ich mochte wetten, dass die drei noch sichtbaren ihrer ekligen Spinnenbeine auf dem Foto tatsächlich noch zappelten. Im Leben nicht hätte ich da drauf gepackt – was wäre, wenn meine kleinen Finger an diesen Beinen kleben blieben? Wenn ich womöglich mit den Fingern zwischen diese furchtbaren Zähne geriete, wenn die beiden in ihrem tödlichen Rasen mich gar in das Bild hinein zerrten und ich den Rest meines Lebens in dieser Wüste verbringen müsste, eingesperrt in einem Buch…?!

“Oma!” Natürlich kam meine Rettung nicht ohne halb spöttische Ermahnungen wie “Mensch, du willst ein Junge sein?! Stell dich nicht so an, du willst doch ein Mann werden…!” – aber irgendwann erbarmte sie sich doch und blätterte für mich um, damit ich weiterlesen konnte und sie ihre Ruhe hatte.

Später erweiterte sich dann mein Wüstenhorizont – zwei Blocks weiter gab es die so genannte Mau-Mau-Siedlung, wo die als Asoziale Verschrienen in Wellblechhütten und selbst gezimmerten Notunterkünften hausten. Da lernte ich dann, wie ein Junge, wie ein Mann zu kämpfen. Aber die Jungs aus der Mau-Mau-Siedlung hatten ja auch keine klebrigen sechs Beine und keine tropfenden Giftzähne, sondern waren auch nur, wie wir, mit Steinschleudern und Holzschwertern bewaffnet, und spätestens wenn ich dann nach einer dieser wüsten Massenschlägereien mit zerrissenen Klamotten, blutend und mit dicker Lippe oder blauem Auge nach Hause kam und eine gründliche Tracht Prügel bekam dafür, dass ich auch nichts anderes getan hatte, als mich zu prügeln, bekam ich langsam eine Ahnung, dass die grausamsten Wüsten auf diesem Planeten sich in den Köpfen und kalten Herzen der Erwachsenen verbargen.

Komisch, dass man, nach solchen Erfahrungen, dann in der Pubertät sich nichts sehnlicher herbeisehnte, als endlich erwachsen zu werden. Ein Mann zu werden. Wozu, das hatte man inzwischen gelernt, nicht nur Rauchen und Biertrinken und eine zünftige Keilerei gehörte, sondern auch, dass man etwas mit einer Frau anfing.

Aber welche Frau wollte umgekehrt etwas anfangen mit einem Typen, der vor allem bemüht war, beim Rauchen, Biertrinken und Sich-Kloppen einen möglichst coolen Eindruck zu machen?

Sicher nicht die kichernden Mädels, denen man auf ihrem Schulweg in sicherem Abstand hinterher dackelte, ohne sich zu trauen, sie auch mal anzusprechen, natürlich. Sicher nicht die hochmütigen Wesen, die Sonntagsnachmittags keine Zeit hatten, nach dem Western vor dem Kino abzuhängen, weil sie zur Tanzschule mussten. Und ganz sicher nicht die eingebildeten Schnepfen, die sich Samstagsnachmittags im Café Eigelstein mit roten Wangen aus sündhaft teuren weißen Kaschmirschals wickelten und ihre weißen Schlittschuhe an die Garderobe hängten, um dann mit abgespreiztem kleinen Finger heiße Zitrone zu schlürfen und genervt und verächtlich die Augen zur Decke zu verdrehen, wenn wir mal wieder zusammenlegten, um eine Mark in die Jukebox zu werfen und sechs mal hintereinander We Gotta Get Out Of This Place von den Animals zu drücken – und dabei auch noch lauthals den Refrain mitzugrölen.

Da waren dann plötzlich wir die Asis.

Aber jeder Topf findet sein Deckelchen, sagt der Volksmund. Sie hieß Gabi. Sie war neunzehn, hatte feuerrote wilde Locken, eine Brille so dick wie Kronkorken, große vorstehende Zähne und eine Figur wie Sophia Loren. Sie wohnte ganz alleine in einer Souterrain-Wohnung am Hansaring, sie hatte keine Gardinen an den Fenstern zum Hinterhof, und sie lief gerne mit nichts als einem löchrigen T-Shirt bekleidet durch ihre Wohnung. Dagegen, am frühen Abend in diesem Hinterhof zwischen den Mülltonnen zu hocken und mit einem Puls von 180 zuzuschauen, wie Gabi aus der Dusche kam, dieses T-Shirt auf der noch nassen Haut klebend, sodass für Jeden klar sichtbar war, ja, ihre Haarfarbe war echt, das war hundertmal aufregender als jeder Western.

Eine halbe Stunde wackelte sie in ihrer Wohnung hin und her – alles an ihr wackelte höchst aufreizend herum –, suchte sich die Klamotten für den Abend zusammen, zog dies an, tanzte darin vor einem großen Spiegel und zog das wieder aus, saß mit verrenkten weißen Beinen in einem alten Ledersessel und lackierte sich die Fußnägel, dass so mancher von uns sich dringend auf Gedanken an Mathehausaufgaben oder die Reparatur eines Mopedmotors konzentrieren musste, um nicht auf der Stelle und frühzeitig zu explodieren.

Ein paar Stunden später, im Katakomben-Club unter dem Café Eigelstein, hockte sie dann mit ein paar ihrer Hippie-Freundinnen an der Theke, trank ganz alleine eine Flasche Weißwein, drehte zwischendurch mal eine Runde über die Tanzfläche, dass uns wieder Hören und Sehen verging, am liebsten zu It’s My Life von den Animals, das sie dabei gerne auch lachend mitsang, kam schweißgebadet an die Theke zurück und rief quer durch den Schuppen:

“Ich bin jung! Ich bin gesund! Ich will rammeln!”

Und wir hockten am anderen Thekenende und sabberten in unser Bier und versuchten so auszusehen, als seien wir ja wohl der absolut geeignete Kandidat für ihre Wünsche und Bedürfnisse.

Die wüste Gabi …

Ein halbes Jahr später war klar: Wir waren geeignete Kandidaten, auch wir, jeder von uns, schön der Reihe nach, ein Wochenende der, ein Wochenende drauf der nächste, und Sonntagsabends hingen die, die noch nicht dran gewesen waren, um die Glückspilze herum und löcherten sie

“Wie war’s denn, Mann, wie war’s denn?” Aber die bekamen nur einen geistesabwesenden, verklärten Blick und murmelten ehrfürchtig und sehnsüchtig “Wahnsinn…!”

Und keiner wurde öfter als zweimal eingeladen.

“Wieso eigentlich nicht?”, fragte ich Gabi, an meinem zweiten Morgen in dem Souterrain. Als ich schon nichts sehnlicher wünschte, als erstens der Letzte in der Reihe zu sein und zweitens der Einzige für die nächsten zwanzig Jahre, mindestens.

“Ach, Rich”, sagte sie. “Guck dir meine Brille an. Guck dir meine Augen an.”

Die Augen waren schön. Türkisgrün, allerdings mit einem Stich ins Milchige.

“Ein paar Jahre noch, dann werde ich blind sein”, sagte sie. “Bis dahin möcht’ ich mich gern noch ein bisschen umgucken."

Die wüste Gabi … Ich hab Einiges gelernt von ihr, in diesen beiden Nächten, und immer wieder in den über vierzig Jahren danach habe ich mich gelegentlich gefragt, was aus ihr wohl geworden sein mag. Aber an ihren Nachnamen kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, und “die wüste Gabi” zu googeln hat mir bisher auch noch kein brauchbares Ergebnis gebracht …